Mit Kultur Menschen begegnen

Kulturelle Verhaltensstandards

Will man die kamerunische Gesellschaft anhand kultureller Verhaltensstandards klassifizieren, so ist diese als deutlich beziehungsorientiert (d.h. das persönliche Verhältnis ist sehr wichtig) einzustufen und zeigt einen klaren Trend zu kollektiven Verhaltensmustern (das «Wir» ist wichtiger als das «Ich»). Die Gesellschaft zeigt eine ausgeprägte Machtdistanz (Hierarchien sind erwünscht, ja notwendig), bei mittlerer bis schwacher Unsicherheitsvermeidung (Ungewissheit ist normal). «Die Kameruner» kommunizieren eher indirekt und haben ein eher zyklisches Zeitverständnis.

Selbstverständlich liefert diese Einteilung nur einen groben Anhaltspunkt. Letztendlich spielen unterschiedliche regionale Herkunft, ethnische Charakteristika, der Stadt-Land-Gegensatz, die soziale Stellung, der Bildungsstand und die vielen anderen Prägungen eines Individuums eine entscheidende Rolle. Und: Kulturen befinden sich im ständigen Wandel!

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«Typisch Deutsch» aus Sicht eines kamerunischen Anthropologen

Traditionelle Kultur

Einen umfassenden Überblick zur traditionellen Kultur Kameruns zu geben ist angesichts der großen Vielfalt ein aussichtsloses Unterfangen. Jede Ethnie besitzt ihre eigenen kulturellen Praktiken, Mythologien, Feste und Rituale, die mit entsprechenden Objekten, Tänzen und Gesängen verbunden sind. Wenn die Teilnahme an entsprechenden Veranstaltungen nicht möglich sein sollte, bieten Museen, die in verschiedenen Städten bestehen, einen Einblick.

Hochburgen des Kunstgewerbes sind die Städte Foumban im Westen und Maroua im Norden, sowie die «Grassfields/-lands» in der Nordwest-Region.

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Museum Foumban Traditionelles Fest in Bandjoun

Musik

Musik rangiert in Kamerun auf der Beliebtheitsskala gleich hinter Fußball. Musik war wichtig,- ist wichtig und wird sicher auch in Zukunft ihren hohen Stellenwert beibehalten. Ob traditionelle Musik auf dem Land, die unzähligen Kirchenchöre oder moderne Musik, wie Pop, Rock, Hip-Hop oder Jazz,- jedwede Musikform erfreut sich größter Beliebtheit und der Musikgeschmack ist breit gefächert.

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen wird Musik auch als politisches und ethnisches Aushängeschild benutzt. Wenn kamerunische Musiker zusammen auf die Barrikaden gehen, kennt der Staat jedoch kein Pardon. Kamerunische Musikstars auf der internationalen Szene sind Manu Dibango, dessen Stücke auch bei internationalen Pop-Größen heiß begehrt sind bzw. waren, und Richard Bona.

Wichtige kamerunische Sängerinnen waren/sind z.B. Anne-Marie Nzié (1932-2016), K-Tino, Myra Maimoh, Kareyce Fotso oder die US-Kamerunerin Andy Allo.

Am 24. März 2020 verstarb der kamerunische Jazz- Musiker Manu Dibango («Papa Groove») in einem Pariser Krankenhaus mit 86 Jahren an einer Covid-19 Infektion. Ein großer Musiker, dessen Name immer auch für den Austausch der Kulturen und die Belange Afrikas stand. Der Musiker und Poet Francis Bebey ist 2001 gestorben. Er war im Ausland sehr bekannt, lebte jedoch nicht in Kamerun, weil er von offizieller Seite politisch bekämpft wurde.

Literatur

Während in der Musik häufig in den Landessprachen gesungen wird, ist die Literatur faktisch französisch oder englisch besetzt. Sie wird auch fast nur im Ausland verlegt, unter anderem weil die meisten relevanten Schriftsteller zur politischen Opposition gehören und häufig im Exil leben oder lebten. René Philombe und Mongo Beti, zwei Klassiker der kamerunischen Literatur, sind beide im Jahr 2001 verstorben. Ferdinand Oyono, ein weiterer großer alter Mann der kamerunischen Literatur, hat sich mit dem Regime arrangiert und war lange Jahre Regierungsmitglied.

Calixthe Beyala war eine der ersten kamerunischen Literatinnen, die sich international einen Namen machten. Inzwischen hat sich ihr Léonora Miano hinzugesellt. Die Werke beider Schriftstellerinnen behandeln häufig Frauenthemen.

Patrice Nganang ist ein international sehr erfolgreicher, mit verschiedenen Literaturpreisen ausgezeichneter Vertreter der jüngeren Schriftstellergeneration. Ebenso Max Lobe, der 2017 für sein jüngstes Werk in Genf den Ahmadou- Kourouma-Literaturpreis erhielt.

Film

Immer wieder machen kamerunische Regisseure auch international von sich reden. Jean Marie Teno und Jean-Pierre Bekolo sind wichtige Vertreter des kamerunischen Films. Jean-Pierre Bekolos Film «Le Président» löste, obwohl nur ein einziges Mal auf dem Filmfestival in Burkina Faso aufgeführt, beträchtliche Unruhe aus. Ein weiterer kamerunischer Regisseur, Richard Fouofie Djimili, wurde wegen einer Filmsatire ähnlichen Themas vom Geheimdienst entführt, festgehalten und gefoltert.

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Konzert Manu Dibango Konzert Richard Bona Kabarett (Radio)

Bildende Kunst

Maler, Bildhauer und Installationskünstler kommen zwar aus allen Regionen Kameruns, Foren, in denen Kunstschaffende ihre Arbeiten vorstellen, sich mit Kollegen austauschen und vielleicht auch Käufer interessieren können, sind allerdings rar gesät. Umso wichtiger sind Einrichtungen wie doual’art, wo mit Ausstellungen und Aktionen Kunst und Künstler gefördert und «unter die Leute gebracht» werden.

Mode

Kameruner sind stolz auf ihre Modekreationen. Kamerunische Modelabel setzen sich mehr und mehr auf dem Inlandsmarkt durch und 2020 war auch international ein Durchbruch zu feiern: als  erster Modedesigner aus Subsahara-Afrika nahm der Kameruner Imane Ayissi an den Pariser Haut Couture-Wochen teil.Und in München bereichern zwei Kamerunerinnen die Dirndl-Mode mit Kreationen aus afrikanischen Stoffen.

Religion

Der Religion fällt in der kamerunischen Gesellschaft eine bedeutende Rolle zu. Hinsichtlich der Religionszugehörigkeit bezeichnen sich knapp 70 % der Kameruner als Christen, davon bekennen sich knapp 40% der Bevölkerung zur katholische Kirche, ca. 26% sind Protestanten (z.B. Église évangélique du Cameroun (EEC), Église presbytérienne camerounaise (EPC), Union des églises baptistes du Cameroun (UEBC), Église baptiste camerounaise (EBC), Église évangélique luthérienne du Cameroun (EELC) u.a.)

20 % sind Moslems und 10 % praktizieren traditionelle Religionen bzw. gehören anderen Religionsgemeinschaften an. Letztendlich sind diese Zahlen aber mit Vorsicht zu genießen, da religiöse «Mischformen» weit verbreitet sind.

Das afrikanische Phänomen des zunehmenden Sekten(un)wesens ist auch in Kamerun verbreitet und findet unter den verarmten Bevölkerungsschichten immer mehr Anhänger. Traditionell ist der Islam in Kamerun sufistisch und hier vor allem durch den Tidschaniya-Orden geprägt. Er zeichnet sich durch große Toleranz aus. Seit den 90er-Jahren begann sich Saudi-Arabien stärker in Kamerun zu engagieren und der Einfluss der konservativen islamischen Glaubensrichtung wurde nach und nach größer.

In Kamerun gibt es keine Staatsreligion. Die kamerunische Verfassung garantiert ihren Bürgern Religionsfreiheit und in aller Regel respektiert der Staat dieses Grundrecht. Das Verhältnis und der Umgang der Religionen untereinander war lange Zeit von gegenseitigem Respekt und Toleranz geprägt. Der interreligiöse Dialog funktionierte ganz gut. Zwar wurden  Anhänger traditioneller Religionen im muslimischen Norden oft verächtlich angesehen, auch kam es vereinzelt zu Konflikten zwischen Christen und Moslems, aber Kamerun kannte bisher, im Gegensatz zu den Nachbarländern, keine religiöse Gewalt.

Welche Auswirkungen Boko Haram und die damit einhergehende Destabilisierung des Nordens auf das religiöse Miteinander in Kamerun haben werden? Nachdem, aufgrund der Anschläge 2015, die islamische Ganzkörperverschleierung in den Regionen Extreme-Nord, Nord, Ost und Littoral verboten wurde, kam es immer wieder zu Übergriffen gegenüber Musliminnen, selbst wenn diese nur ein Kopftuch tragen. Das religiöse Mit-oder Nebeneinander von Muslimen und Nichtmuslimen in Kamerun scheint auf dem Spiel zu stehen.

Ein weiterer Brennpunkt stellt der Krieg in den anglophonen Regionen dar, wo sich Religionszugehörigkeiten ebenfalls leicht instrumentalisieren lassen. Ganz unabhängig von Boko Haram und der anglophonen Krise… letztendlich sind kamerunischer Staat, religiöse Führer, aber auch internationale Geldgeber in der Pflicht für gegenseitige Toleranz und gegen religiösen Radikalismus tätig zu werden.

Die Texte sind von Gudrun Riedel, mit acht Jahren Erfahrung in der Entwicklungsarbeit in Kamerun und Ruanda. Die Veröffentlichung der Länderinformationen auf unseren touristischen Seiten wurde mit der GIZ besprochen, weil das Länderportal abgeschaltet wurde.